Per Dampflok zu reizvollen Zielen in Schlesien

Bericht von einer Reise vom 9. Bis 13. Sept. 2015. Von Dr. Man­fred Göttlicher

Ob sich das wohl  lohnt und man alles so ohne wei­te­res ver­kraf­tet würde – mit dem IC per Nacht­fahrt von Bonn nach Ber­lin, dort am frü­hen Mor­gen umstei­gen in einen Dampflok-Zug, der in ganz­tä­gi­ger Fahrt eine mun­ter zusam­men­ge­wür­felte Gruppe nach Polen trans­por­tie­ren soll?  Das Rheinland-Trio im fort­ge­schrit­te­nen Alter, das hier seine Ein­drü­cke wie­der­ge­ben möchte, hatte sich schließ­lich ein Herz gefasst und im Nach­hin­ein kann man nur sagen: „Dau­men nach oben, das war ein Erlebnis“.

Die Dampf­lok­freunde Ber­lin e.V. hat­ten zu einer fünf­tä­gi­gen Fahrt in das frü­here deut­sche Nie­der­schle­sien ein­ge­la­den und dabei drei Pro­gramm­punkte in den Mit­tel­punkt gestellt: das alte und moderne Bres­lau (Wro­cław), das sich 2016 als euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt prä­sen­tie­ren darf, der einst auf der „grü­nen Wiese“ durch Kreu­zung zweier Bahn­stre­cken ent­stan­dene  Eisen­bahn­kno­ten Königs­zelt (Jawor­zyna Śląska) mit sei­nem Indus­trie– und Eisen­bahn­mu­seum und schließ­lich eine Rund­fahrt durch das eisen­bahn­tech­nisch äußerst anspruchs­volle Eulen­ge­birge. Dass man bei einem Abste­cher nach Wal­den­burg auch noch die ver­mu­tete Fund­stelle des zum Rei­se­zeit­punkt in aller Munde befind­li­chen „Gold­zu­ges“ pas­sie­ren würde, stand nicht im Pro­gramm, übte natür­lich einen zusätz­li­chen Reiz aus.

Die alte Pro­vinz­haupt­stadt  Bres­lau, über Jahr­hun­derte wirt­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Schwer­punkt spielte auch bei der Eisen­bahn­ent­wick­lung eine her­aus­ra­gende Rolle; sowohl als Ver­kehrs­kno­ten als auch als Pro­duk­ti­ons– und Wartungs-Standort. 1842 rollte hier die erste Eisen­bahn. So wur­den von unse­rer  Zug­be­sat­zung natür­lich, neben den obli­ga­to­ri­schen Sehens­wür­dig­kei­ten wie Alt­stadt, Rat­haus und Jahr­hun­dert­halle im Besich­ti­gungs­pro­gramm auch die erhal­te­nen alten Bahn­höfe ange­steu­ert. Der älteste dar­un­ter, der Frei­bur­ger Bahn­hof, wurde von den Bres­lau­ern lie­be­voll als „Tor zum Rie­sen­ge­birge“ bezeich­net, der impo­nie­rende Back­stein­bau des Oder­t­or­bahn­ho­fes, der als  Haupt­an­lauf­stelle der Ober­schle­si­schen Eisen­bahn diente und der im Tudor-Stil errich­tete frisch restau­rierte Haupt­bahn­hof. Eine indi­vi­du­ell für uns durch­ge­führte Stra­ßen­bahn­rund­fahrt mit Halt an zwei Depots, wo u.a. alte Stra­ßen­bah­nen wie­der her­ge­rich­tet wer­den, run­dete das Schie­nen­er­leb­nis inner­städ­tisch ab.

Das Städt­chen Königs­zelt, das sei­nen Namen dem Umstand ver­dan­ken soll, dass der preu­ßi­sche König Fried­rich II. einst im Zuge des sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges gegen Öster­reich hier sein Lager hat auf­schla­gen las­sen, fand in die­sem Jahr zum fünf­ten Male ein inter­na­tio­nal besetz­tes Dampf­lok­fest mit beach­tens­wer­tem Pro­gramm statt. Mit dabei Loko­mo­ti­ven aus Polen, Tsche­chien und Deutsch­land. Auch die Loks unse­res Zuges (zwei BR52) wur­den von den Ber­li­ner Dampf­lok­freun­den unter Begeis­te­rung der Zuschauer auf die Dreh­scheibe gerollt.

Ein Erleb­nis der wirk­lich beson­de­ren Art ist eine Bahn­fahrt durch das Eulen­ge­birge. Die Topo­gra­phie bedingt ein stän­di­ges Auf  und Ab. Hier fin­den sich Via­dukte und Tun­nels, die zu ihrer Zeit bau­tech­ni­sche Maß­stäbe setz­ten.  Aus­ge­klü­gelte Schlei­fen unter­stüt­zen die tech­ni­schen Bau­ten bei der Bewäl­ti­gung der Höhen­un­ter­schiede. Unsere bei­den Dampf­loks arbei­ten tap­fer und bewäl­ti­gen ihre Auf­gabe. Dabei  ist uns wohl bewusst, dass auf der Schle­si­schen Gebirgs­bahn schon sehr früh, näm­lich bereits vor dem ers­ten Welt­krieg, Elek­tro­loks zum Ein­satz kamen, um das schwie­rige Relief zu bewäl­ti­gen. Die Strom­ver­sor­gung erfolgte über das in der benach­bar­ten Graf­schaft Glatz gele­gene Kraft­werk Mit­tel­steine, das noch heute zu sehen ist.

Man mag eine sol­che Fahrt ober­fläch­lich der Kate­go­rie „Eisen­bahn­ro­man­tik“ zuord­nen. Die Teil­nahme an einer sol­chen Reise gibt dem, der sich für das Eisen­bahn­we­sen inter­es­siert und öff­net aber wesent­lich mehr. Was war – was ist dar­aus gewor­den – wie wird / kann es wei­ter gehen mit dem Ver­kehrs­sys­tem Eisen­bahn, das hier in Schle­sien einst von Deut­schen auf die Schiene gesetzt wurde?

Dr. Man­fred Gött­li­cher, stellv. Vor­sit­zen­der der Kreis­gruppe Bonn und Kul­tur­re­fe­rent Lands­mann­schaft Schle­sien, Lan­des­gruppe NRW

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